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Montag, 31. August 2009

Der Zirkus als Erzieher

Zirkus ist Kunst, ist Aufregung, Spektakel und Show.
Zirkus bedeutet Freiheit, bedeutet Form,
Bedeutet sich in Geduld zu üben,
Bedeutet ausgelassen sein.
Verzweiflung und Freude.
Zirkus bedeutet Begegnung-
Mit sich selbst und mit den anderen.
Entwicklung, Entfaltung. Schwachsinn und Tiefsinn.
Humor, Ernst und Spannung.
Zirkus ist Musik, ist Tanz, ist Bewegung und Stillstand.
Zirkus ist Zauber, ist Artistik, ist Geschick, ist Spiel.
Zirkus ist bedeutend,wenn er lebendig ist.
Zirkus ist tot, wenn er tot ist.
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Zirkus ist soviel und gerade deswegen ist er auch wieder nichts. Es gibt ihn nicht. Man kann kein Bild an die Wand malen: "Das ist der Zirkus." Der Zirkus entsteht durch die Leute die ihn erschaffen. Er ist wie das Leben. Lebendig. Nie gleich.
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Am Samstag, den 29. August beendeten wir unseren Zirkusunterricht an der Schule "La Casa de Cartón" mit einer gelungenen Aufführung zum 25. Geburtstag der Schule. 38 Kinder haben in 15 Minuten vor Lehrern, Eltern, Mitschülern und Gästen das gezeigt, was sie in einem halben Jahr Unterricht gelernt haben. Für mich ein Grund zur Freunde. Auch aber ein Grund zurückzublicken, Resümee zu ziehen und sich zu erinnern - an das was gut war, und an das was schlecht war.Angefangen haben wir mit unserem Unterricht im März, zu Beginn des Schuljahres. Anstatt eines gemeinsamen Kunstunterrichts können sich die Oberstufenschüler im "La Casa de Cartón" klassenübergreifende Kunstkurse wählen. Nach einem Semester werden die Kurse gewechselt, so dass jeder Schüler pro Jahr zwei Kunstkurse belegen kann. Zur Wahl stand "Theater", "Tanz", "Musik", "Literarisches Schreiben" und "Zeichnen."Der Zirkuskurs den ich mit Nina zusammen angeboten habe zielte darauf ab, dass die Jugendlichen sich mit verschiedenen Disziplinen des Zirkus beschäftigen, eine Disziplin verstärkt einüben, sie "perfektionieren" und diese dann im Rahmen einer Aufführung präsentieren. Unser Schwerpunkt war die Jonglage mit Bällen, Poi und Devilstick. Einen großen Teil hat aber auch das Stockfechten und Stelzenlaufen eingenommen. Während Akrobatik auch seinen Platz in den Zirkusstunden fand wurden Disziplinen wir Theater und Zauberei so gut wie gar nicht beachtet. Um den Gruppenzusammenhalt zu stärken und die Stunden abwechsunlgsreicher zu gestalten haben wir viele Spiele in den Unterricht mit einbezogen. Nachdem wir die ersten zwei bis drei Monate viel mit der ganzen Gruppe gearbeitet haben bildeten sich am Ende des Semesters einzelne kleine Grüppchen die sich in ihrer Kunst, auch im Hinblick auf die Aufführung, spezialisierten.

Die Durchführung des Projektes stellte mich und die Schüler gleichermaßen auf die Probe. Wir scheiterten regelmäßig - standen aber immer wieder auf. Für mich war es das erste Projekt dieser Größenordnung. Die Arbeitbedingungen waren hervorragend. Im "Casa de Carton" sieht man die Kunst nicht als ein randständiges Beiwerk an sondern als elementare Bildungaufgabe. Es geht hier nicht um Nachmittagsbespassung sondern um Hilfe zur Selbstentwicklung. Dies wird auch durch die Anzahl der Wochenstunden deutlich, die sich mit manchen Hauptfächern vergleichen lässt. Beleuchtet man den Zirkus, oder mehr noch die Kunst im Algemeinen, unter dem Gesichtspunkt der ästhetischen Erziehung wird ihre Bedeutung in der Erziehung deutlich. Was die Kunst macht ist, dass sie den ganzen Menschen anspricht - Kopf, Herz und Hand. Es werden Geschichten erzählt, die kognitiv erfasst werden müssen, anderseits wird durch das Einüben von Kunststücke der Körper angesprochen, was ja von Bedeutung ist für die gesamte geistige Entwicklung. Die Entwicklungsprozesse in der Gruppe, das Theater und die Clownarie sprechen die Seele der Artisten an. Die Idee ist ja, so hat es der deutsche Pädagoge Hartmut von Hentig ausgedrückt, dass keine Erziehung für die Kunst geschieht, sondern eine Erziehung an der Kunst. Wir lernen nicht für den Zirkus sondern von dem Zirkus. Der Zirkus ist also nicht etwas was wir den Kinder vorsetzen sondern etwas was im Prozess immer neu entsteht. Lehrer und Schüler tragen gleichermaßen zum Gelingen des Projekts bei. Es geht nicht um eine pädagogische Inszenierung der Wirklichkeit sondern um eine gemeinsam entwickelte Wirklichkeit die pädagogisch wirken kann.

Die Semesterplanung stellte Nina und mich vor eine Herausforderung die wir jedoch gut meistern konnten. Mehr zu kämpfen hatte ich mit der spanischen Sprache. Es ist unglaublich kräftezehrend vor einer Schulklasse zu stehen und mit den Worten zu ringen. Das tragische an der Sache ist, dass man reden will, dass man Ideen hat, diese aber oft nicht ausdrücken kann.
Von den Schülern verlangt der Zirkus eine Menge an Konzentration, Geduld und Willenskraft. Worum es geht sind ja nicht in erster Linie die Kunststücke. Vielmehr geht es um die Begegnung. Zuerst mit sich selbst, seinem eigenen Körper, seinem eigenem Können und Unvermögen, danach um das Zusammenspiel mit den Klassenkameraden. Was ich den Schülern vermitteln will ist die Fähigkeit eine Sache richtig und gut zu tun, sich einem Ziel zu widmen und es mit Konzentration und Hartnäckigkeit zu verfolgen. Die Tücken der Jongliermaterialien fordern mich und stellen mich auf die Probe. Ich kann die Aufgabe annehmen oder scheitern. Man muss die guten Ideen am Schopf packen und festhalten, sonst erlischen sie wieder wie Strohfeuer. Hartnäckigkeit, so scheint es, ist in Peru eine seltene Tugend. Ich will an einen weiteren Gedanken von Hartmut von Hentig anknüpfen. Der Pädagoge und Autor hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: "Bewährung - über die stärkende Erfahrung, nützlich zu sein." Hier geht es ihm um den Wert der Erfahrungen im direkten Wirklichkeitszusammenhang gemacht wird. Der Gedanke findet sich in der Erlebnispädagogik von Kurt Hahn wieder oder dort wo Kinder Gärten oder Tiere pflegen. Gegenüber dem "Lernen auf Vorrat" was in der Schule oft praktiziert wird können die Kinder auch im Zirkus an den Dingen direkt lernen und sich entwickeln. Der Hamburger Professor Jürgen Funke- Wieneke führt in seinen Überlegungen über den Zirkus fort: “Um zu erkennen, wer wir selbst sind und sein können, müssen wir nicht in uns gehen, sondern – umgekehrt- aus uns heraus gehen.” Er beschreibt, dass wir in Gestalten und Objekten der Umgebung die Eigenschaften und Möglichkeiten entdecken, die auch Möglichkeiten unserer selbst sein können. “Am hüpfendem Ball entdecke ich meine eigene Springlebendigkeit, an der Katze die eigene Geschmeidigkeit, am Zauber das Geheimnisvoll- Magische meines eigenen Wesens.” Der Zirkus kann ein solches reiches Umfeld anbieten.

Natürlich rufen diese Argumente und Gedanken nicht unbedingt nur nach Zirkus. Genausogut kann eine andere der oben genannten Kunstformen zu einer ästhetischen Erziehung beitragen. Ein jeder Schüler muss sich in der Kunst seine Ausdrucksform suchen. Bei einigen ist das Malen, bei anderen Zirkus. Die Organisation des Kunstunterrichts im “Casa de Cartón” ist für mich daher beispielhaft. Nicht zu letzt ist es wichtig, dass der Lehrer in seinem Fach zu Hause ist. Leidenschaft entsteht da, wo sie geteilt und weitergegeben wird.
Was mich bei unserer Aufführung am meisten beeindruckt hat war zweifelsohne die Spannung die vor und hinter der Bühne geherrscht hat. Es ist immerwieder beeindruckend zu sehen wie sich Kinder und Jugendliche in Hinblick auf einen solchen Höhepunkt verändern. Während sich Nina mit den Schülern hinter der Bühne aufhielt war es meine Aufgabe vor der Bühne für Musik und Unterstützung zu sorgen. Wir entschieden uns für ein schlichtes Aufführungskonzept das auf viel Schnickschnack verzichtet. Es gab keinen Erzähler, wenig Kostüme, dafür aber schnell geschnittene Musik die die fließend wechselnden Zirkusnummern begleitete. Der Titel der Darbietung war “Reise durchs Universum.” Die acht verschiedenen Nummern sollten das Bild erwecken von acht verschiedenen Planeten. Nachdem 19 Schüler mit einer Stockkampfdarbietung die Show eröffneten folgte eine Poi Nummer von drei Schülern. Den Mittelpunkt bildete eine Darbietung mit Bällen und Diabolos, eine weitere Stockkampfnummer von fünf Schulerinnen, sowie eine Choreographie mit Devilsticks an der sechs Schüler beteiligt waren. Bevor die Aufführung mit einer gemeinsamen Pyramide zum Ende kommt, wird ein Stelzentanz sowie eine weitere Poi Nummer präsentiert. Gerne hätte ich die acht Nummern noch einmal gesehen da auch ich im Moment der Aufführung so unter Spannung stand, dass ich nur das wahrgenommen habe was ich unbedingt wahrnehmen musste. Das wird nicht möglich sein. Trotzdem weiß ich, und das tröstet mich, dass der Zirkus mich sicherlich auch noch in Zukunft verfolgen wird.
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von Sebastian

Fotos vom Zirkus: hier

Mittwoch, 21. Januar 2009

Auf Stahlrössern durch die Wüste

von Sebastian

Ein furchtbares Gefühl. Ein trockener Geschmack im Mund. Die Zunge klebt. Die Hoffnung auf Wasser verdrängt jeden Gedanken. Man will ein ganzes Meer austrinken, soviel Durst hat man, aber das nasse Element lässt auf sich warten.

Heute haben wir genug dabei. Zum Glück.

Morgens fahren wir los. Es ist der 21. Januar 2009. Vor uns liegt eine Strecke von über 100 Kilometern. Erst radeln wir durch Weide- und Anbauland, dann nehmen die Grünflächen langsam ab. Die Kulisse um uns herum ändert sich. Der Film bleibt. Wir strampeln weiter. Keiner von uns weiss wann wir ankommen werden. Die Kilometerangaben von Karte und Schildern weichen stark voneinander ab.

Um uns herum Sand, Wind und Einsamkeit. Unter uns Stahl, Gummi und Teer. Wir sehen Wanderdünen, die sich durch den Wind langsam von West nach Ost bewegen. Ab und zu verdorrte Sträucher. In der Mitte, wie immer, der heiße Asphalt der Panamericana. Ein Blick zum Horizont bringt keine Neuigkeiten. Der Wind wird bald so stark, dass wir nur noch mühsam vorankommen. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit ist von 25 km/h auf 15 km/h gefallen. Wir sind nun nur noch drei mal so schnell wie ein Fußgänger und sechs mal so langsam wie die an uns vorbeidonnernden Autos. Was solls, der Blick in die Landschaft ist sowieso immer schöner als der auf den Tacho. Ich stecke mir die Ohrstöpsel ins Ohr und höre "Element of Crime." Komisch diese Musik hier zu hören. Eigentlich passt sie nicht hierher. Nach zwei, drei Liedern wirkt jedoch alles viel harmonischer. Die sanfte Melancholie der Musik legt sich wie eine eine Zweite Haut über die trockene Traurigkeit der Landschaft. Zeit zum Nachdenken.

Ich schalte den Mp-3 player ab. Ich habe keine Lust mehr auf Musik. Auch keine Lust mehr auf Wüste. Der Wind nervt. Da ist es nun, das trockene Gefühl im Mund. Zum Glück haben wir noch Wasser. Die Beine sind trotzdem noch schwer und die Salzschicht, die der Schweiß auf meinem Gesicht produziert, wird immer dicker. Mein Sattel war auch schon einmal bequemer. Scheibenhonig! Das schlimme ist ja, dass man nicht weiss wie lange es so weiter gehen wird. Ich traue mich nicht anzuhalten, verzichte aufs fotografieren, als könnte ich so der Hitze entfliehen.

Ein großes Betonschild am Straßenrand verkündigt uns die frohe Botschaft. In bunten Lettern steht da geschrieben, dass wir nach 15 Kilometern die Tankstelle eines grossen Ölkonzerns erreichen werden. 15 Kilometer. Das heisst noch eine Stunde ab durch die leere Mitte. Bei Kilometer 88 ereichen wir so etwas ähnliches wie ein Dorf. Keine Tankstelle, dafür ein Restaurant.

Die letzten 15 Kilometer bis an die Küste sind nur noch Peanuts.

Freitag, 9. Januar 2009

Fahrraeder!!

von Sebastian und Nina

Heute wollen wir euch zwei Sachen mitteilen.

1.: Unsere Fahrraeder sind da und wir freuen uns riesig darueber!

2.: Verschifft niemals etwas von Deutschland nach Ecuador!

Nach drei Tagen Papierkrieg am Hafen haben wir es geschafft. Wir konnten unsere beiden Fahrraeder die wie mit einer Spedition von Hamburg nach Guayaquil verschiffen haben endlich in Empfang nehmen. Das ganze war weitaus schlimmer als wir es uns vorher ausgemalt haben. Manchmal ist es vorher ganz gut, wenn man nicht weiss was einen erwartet...

Wie wir von der Spedition vor Ort erfahren haben, schaltet man als Privatperson normalerweise einen Agenten ein, der darauf spezialisiert ist Gueter aus dem Hafen zu holen. So ein Agent arbeitet dann 8 - 15 Tage an dem Fall und kostet eine Menge Geld. Also, nichts fuer uns. Durch ein Gespraech mit dem Chef des Zollamtes - ein freundlicher Agent vermittelte uns den Kontakt - erhofften wir uns eine schnelle und unbuerokratische Loesung des Problems. Tatsaechlich war der Mann dann auch sehr bemueht uns zu helfen. Trotzdem, die Buerokratie laesst sich auch vom "Oberchef" persoenlich nicht aus dem Weg raumen. Fuer uns hiess das ersteinmal warten und von einer Stelle zur anderen geschickt werden. Es mussten Passkopien angefertigt werden, Dokumente beantragt, geschrieben und ausgestellt werden, die Raeder mussten inspeziert werden, wofuer fuer uns wieder eine Art "Hafeneintrittsausweis" erstellt werden musste, usw.

Nach drei Tagen kannte uns der halbe Hafen. Die Sicherheitsbeamten schlugen die Haende ueber dem Kopf zusamen, als wir sie wieder einmal um Gewaer baten, die Buerodamen grinsten uns an und die Hafenarbeiter fragten und wunderten sich warum wir denn nicht einmal endlich die Rader mitnehmen wuerden.
Ja, warum denn eigentlich nicht?! Vermutlich war es deshalb so schwer, weil wir als Privatpersonen und "Neulinge" im Buisiness keinerlei Ahnung hatten wie man so etwas angeht. Wir hatten ja noch nicht einmal einen Ausweis um den Hafen zu betreten. Auch fuer den Zoll war es neu, dass die Inhaber der Fracht aufeinmal selbst vor der Tuer standen und die Sachen gleich mitnehmen wollten. Man hatte das Gefuehl, dass einige Leute damit ueberfordert waren.

Die meisten haben uns jedoch mit all ihren Kraeften unterstuetzt und auch nur so war es moeglich, dass wir die Raeder nach nur drei Tagen Arbeit und nicht erst nach 15 Tagen bekommen haben. Manchmal hatten wir schon ein schlechtes Gewissen, weil wir uns nie an irgendeiner Schlange angestellt haben, sondern einfach stur dran vorbeigelaufen sind. "Die anderen die dort stehen werden immerhin fuer ihr Warten bezahlt," sagten wir uns dann meistens. Oft wurden wir auch gleich zum Chef ins Buero geschickt und mussten nicht draussen an den Schaltern stehen. Als der Chef dann fuer ein wichtiges Problem gerufen wurde, war seine Antwort nur: "Jetzt nicht, das hier ist ein wichtiges Problem."
Nun, man kann also nicht sagen das die Leute nicht gewillt waren...

Wir haben es also geschafft mit den Raedern den Hafen, und somit auch den Zollbereich zu verlassen. Weil die Beamten sich nicht sicher waren, ob wir ueberhapt auf Raedern die Kontrollen passieren koennen, bisher wurden nur LKWs durch die Kontrollen gelotzt, begleiteten sie uns einfach.
Wir fuhren also, ein Zollauto vor uns, eins hinter uns an den wartenden LKWs vorbei an die letzte Abfertigungsstation. Ein letztes Mal wurden die Raeder gewogen, die Papiere gecheckt bis wir schliesslich rechtzeitig vor Einbruch de Daememrung in die Freiheit entlassen wurden. Nicht bevor der Zollbeamte uns nocheinmal eindringlich mitteilte, dass die Gefahr ueberall lauerte. Aha.

Wir sind frei,
frei zum losfahren.
Das einzige was wir jetzt noch an Altlasten mit uns herumtragen, ist ein dicker Packen Papier: Dokumente ueber alles moegliche, wann unsere Fahrraeder in Hamburg verschifft wurden, wann sie angekommen sind, welche Farbe und Nummer sie haben, Eintrittspapiere in den Hafen fuer uns, Einfuhrpapiere fuer die Raedern, was sie wiegen und so weiter.
Ein Weilchen werden uns die Freunde aus Papier wohl noch begleiten, bis wir sie hinter der Peruanischen Grenze getrost einem Feuerchen ueberlassen koennen, denn dann ist sicher: Der ganze Zirkus ist entgueltig vorbei!

Morgen geht es los - die Kueste runter Richtung Perú!

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Eine Reise nach Mindo

von Sebastian

Ecuador hat viel zu bieten. Wie überall auf der Welt gibt es auch in Ecuador ein paar "places to see before you die," ein paar Orte an denen jeder (Rucksack-)Tourist, der beim großen Tratsch mitreden will, gewesen sein muss. Die Hauptstadt Quito gehört dazu, die heißen Quellen, die Galapagos und mit Sicherheit auch der Nebelwald. Nachdem ich mit Nina und ihrem Bruder eine Woche in Quito und Umgebung verbracht hatte beschlossen wir also für ein paar Tage in den Nebelwald zu fahren. Ahnungslos wie wir waren, steuerten wir ersteinmal die Touristeninformation in Quito an um uns dort die nötigen Informationen zu holen. Dort erzählte man uns von Mindo, einem kleinen Ort im Nebelwald, der einfach per Bus zu erreichen ist und sich gut als Ausgangspunkt für Touren eignet. "Ob man dort auch zelten kann?" fragten wir unsicher, "si, si claro" sagte uns die freundliche Dame und der Plan war gemacht. Wandern, zelten Nebelwald - Adventure at its purrest. Das wir für uns Drei nur ein Zweimanzelt hatten störte uns nicht. Durch den Kauf einer Plane, unter der einer von uns schlafen sollte, war das Problem (ersteinmal) behoben.

Ein paar Tage später stehen wir am Busbahnhof. Der nächste Bus nach Mindo fahrt erst in 4 Stunden. Halb so schlimm. Ich nutze die Zeit für einen Stadtbummel während Nina und Jonas sich im Internetcafé vor der heißen Sonne schützen. Das Viertel in dem ich herum schlendere gehört nicht zu den feineren von Quito. Ich sehe nur sehr wenige Blondschöpfe auf den Straßen. Ob ich hier wohl als Ausländer auffalle? Niemand schaut mich an und ich bilde mir ein, dass ich durch die braunen Haare und den dunklen Bart nicht ganz so fremdländisch aussehe. Ich versuche so zu tun, als ob ich genau weiss wo ich hinwill - habe aber eigentlich keine Ahnung. Mit meinem Spanisch schaffe ich es gerade noch mir in einem Café eine Cola zu bestellen. Leider ist sie warm. Was "gekühlt" heißt, ist mir bisher noch unbekannt. Auch darf ich die Flasche nicht mit hinausnehmen wie ich es erst vor hatte. "Vermutlich will der Wirt nicht auf das Pfandgeld verzichten", denke ich mir und freue mich über den so gewonnen Schatten.

¡Adios Quito! Als wir im Bus sitzen wird uns schnell klar wohin die Reise geht. Neben, vor und hinter uns sitzen große blonde Menschen mit Funktionskleidung a la Globetrotter Ausrüstung und Jugendliche mit Skaterschuhen und weiten Pullovern. Auch ein paar buntgekleidete Langhaarige sind dabei. "Bienvenidos en Gringolandia," würden die Ecuadorianer jetzt sagen. Herzlich Willkommen in der Touristenkutsche! Natürlich haben nicht nur wir den "Tipp" von der Touristeninformation bekommen. Wir freuen uns - trotzdem oder deswegen und genießen den Blick aus dem Fenster. Auf halber Strecke - wir sind schon mitten im Nebelwald - bleibt der Bus plötzlich stehen. Die Autoschlange vor uns versperrt den Weg. "Was nun - Unfall, Überfall oder was?" Nein, nichts dergleichen. Der Berg, der sich zu unserer Linken erhebt ist in Teilen auf die Straße hinabgestürzt. Dieser Zustand dauert wohl schon seit längerem an. Die vielen Händler die sich am Straßenrand niedergelassen haben und uns "Empanadas", "Bebidas" und andere Köstlichkeiten verkaufen deuten darauf hin. Bald erfahren wir dass eine Spur schon wieder zu befahren ist und die Bauarbeiter ab und zu einen Stoß Autos durchlassen. Wir haben Glück. Nach einer guten halben Stunde dürfen wir durch.

Mit Einbruch der Dämmerung erreichen wir Mindo. Ein kleines Dorf mir 2000 bis 3000 Einwohnern. Es sieht so aus wie wir es uns vorgestellt hatten. Wir sehen bunte Reklameschilder auf Spanisch und Englisch, die für billige Unterkünfte und jegliche Art von Abenteuertourismus werben. Auf den Straßen und in den vielen Kneipen sieht man hauptsächlich junge Menschen europäischer Herkunft. Es ist feucht und heiß. Fast wie im Regenwald. "Ob man hier auch zelten kann?" fragen wir uns wieder. Für die erste Nacht wollen wir uns eine Herberge leisten. Kaum sind wir aus dem Bus raus spricht uns eine Frau auf Englisch an und fragt ob wir "guys" den noch etwas zum schlafen brauchen. Vorsichtshalber verneinen wir und finden dann aber auch schnell eine Unterkunft, die sich als sehr gut erweist. Wir kommen in einem richtigen "Dschungelhotel" unter. Ein dreistoeckiges, verwinkelt gebautes Holzhaus das die Wände teilweise offen hat. Die Bauart erinnert mich eher an die eines Baumhauses. Es gefällt uns und unter den Moskitonetzen ist uns eine halbwegs ruhige Nacht gesichert.

Am nächsten Tag müssen wir mit bedauern feststellen, dass das Zelten hier nur auf ausgewiesen kommerziellen Plätzen möglich ist (für die muss man dann mehr bezahlen als für unser Hotel). So haben wir uns das nicht vorgestellt. Abseits von Wegen und Plätzen gibt es schlicht kein Durchkommen. Auch der Nebelwald wächst, wie ein Regenwald in drei Schichten und ist nicht mit einem sauber aufgeräumten deutschen Wald zu vergleichen. Aufgrund dessen ändern wir, spontan wie wir sind, unsere Reisepläne dahingehend, dass wir von unseren Zeltplaenen absehen und auf unser Dschungelhotel als "Basisstation" zurück greifen. Auch das wandern ist nicht so einfach. Es gibt zwei Waldwege die den Berg hinauf führen und als Zugangswege zu den zahlreichen Attraktionen wie Wasserfällen, Schmetterlingsbeobachtung, Raffting und Seilbrücken dienen. Als einfache Wandertouristen sind wir hier wohl eher die Außenseiter. Auf Fußvolk treffen wir unterwegs eher selten. Ueberholt werden wir nur von den stinkenden Pick-ups, die die abenteuerhungrigen Touristen zu den Attraktionen bringen. Als wir ganz oben am Ende des öffentlichen Weges ankommen, der Rest ist privat, erkaufen wir uns für nur drei Dollar pro Person den Zugang zu einer wunderschoenen Wasserfalllandschaft. Auf dem Gelände durch dessen Mitte sich ein großer Fluss zieht gibt es eine Wasserrutsche, eine Badestelle und einen Sprungfelsen von dem aus man aus zwoelf Metern Hoehe in den Fluss springen kann. Wir machen nichts davon, schauen einfach nur, laufen, sitzen und staunen. Neben der Badestelle wurde ein grosser Barcomplex aus Beton, Holz und Bambus installiert. Es sieht aber, wie vieles hier in Ecuador, unfertig und ungenutzt aus. Das Gebaeude ist verfallen, die Bar leer, Muell liegt herum, die Eisentraeger schauen noch aus dem Beton heraus. Man kann nicht erkennen ob die Bar jemals fertig gebaut wurde oder ob sie ihre besten Zeiten schon hinter sich hat. Konnte hier einfach nicht mehr verwirklich werden was irgendein Idealist geplant hatte oder haben die Ecuadorianer einfach andere, nicht so perfektionistische Ansprueche wie wir. Wie auch immer, die Menschen im Wasser haben Spass und wir auch. Als der Regen hereinbricht machen wir uns auf den Heimweg. Der Eintritt hat sich gelohnt.
Auf dem Rueckweg treffen wir Nelson und fueren ein interessantes Gespraech. Nelson war vor 20 Jahren masgeblich daran beteiligt den Tourismus nach Mindo zu holen. Er erzaehlt uns, dass es in den 80er Jahren noch keinen Tourismus in Mindo gegeben hat. Die Menschen haben von der Fischerei, Rinderzucht und dem Wald gelebt. Ihm und einigen anderen war das auf Dauer zu eintoenig. Sie beschlossen den Wald unter Schutz zu stellen, privatisierten ein Teil davon und machten es fuer Touristen attraktiv. Es dauerte lange bis die Plaene duchgeschlugen, aber nun lebt bereits ueber 80 % des Dorfes vom Tourismus. Wir fragen viel und Nelson erzaehlt uns auch ungefragt, dass seit einigen Jahren Muel getrennt wird, die Loehne gestiegen sind und Maenner wie Frauen gleichviel verdienen. Scheinbar bekommt er Fragen die in diese Richtung gehen oefter. Weil er so viel mit Touristen spricht, hat Nelson kuerzlich angefangen Zeitung zu lesen. So ist er immer informiert und kann alle neugierigen Fragen beantworten wie er sagt. Aufgeklaert gehen wir nach Hause. Es scheint diesem Dorf gut zu gehen. Uns fallen keine negativen Auswuechse des Tourismus auf. Mit einem selbstgekochten Essen und Karten spielen beschliessen wir den Tag.

Nach einer ruhigen Nacht bestaunen wir noch die Schmetterlinge die in einer Art Gewaechshaus gezuechtet werden. 80% der Tiere behalten sie dort und 20% werden wieder ausgesetzt. So viele Schmetterlinge sieht man nur noch selten. Wir machen viele Fotos um das bunte Geflimmer festzuhalten. Nina erzaehlt uns von dem Unterschied zwischen Regenwald und Nebelwald. Waehrend man Regenwaelder gewoehnlich in der Ebene findet, sind die Nebelwaelder meist an Haengen angesiedelt. Da sich zwischen den Bergen viele Wolken fangen herrscht im Nebelwald ein ganz anderes Klima als im Regenwald.
Auf dem Rueckweg sehen wir wie eine Gruppe von Erwachsenen sich auf einem Floss aus Gummireifen den Fluss hinunter treiben lassen. Nach wenigen hundert Metern werden sie weiter unten am Fluss wieder von ihren Guides in Empfang genommen. Ich frage mich, ob so etwas ein Abenteuer sein kann, ob es das Geld der Leute wert gewesen ist. Kann man Abenteuer ueberhaupt erkaufen? Was fuer abwegige Gedanken. Wenn ich in die Gesichter der Menschen auf dem Floss blicke muss ich beide Fragen klar mit ja beantworten. Jeder lebt sein eigenes Abenteuer, hoffentlich. Mein Abenteuer sieht anders auch. Zurueck im Hotel packen wir unsere Sachen. Unter dem Bett entdecke ich noch ein Sechserpack Dosenbier (Marke Pilsner aus Kolumbien) das mein Vorgaenger wohl vergessen haben muss. Ich packe die Dosen ein, natuerlich. Dosenbier - soetwas habe ich auch lange nicht mehr gesehen. Das ist ja auch schon fast abenteuerlich.

Die Rueckfahrt bietet wenig neues. Die Baustelle besteht immer noch, diemal warten wir eine Stunde, die Gesichter im Bus sind mir auch schon bekannt und ich bin muede. Abends sind wir in Quito. Wir machen uns Nudeln mit Gemuese. Dazu gibt es Dosenbier.

Bilder von Mindo:
Mindo I-Seite